Mein früheres Leben erfüllte viele Kriterien, um ein kaputter Erwachsener zu werden. Als ich vier war, ließen sich meine Eltern scheiden. Mit sieben Jahren gingen meine Mutter und ich nach Berlin, denn der Krieg zwischen Jugoslavien und Serbien war kurz vor dem ausbrechen und ich sollte nicht darin aufwachsen.
Alles, was wertvoll war, blieb zurück: meine Familie, Freunde, mein bisheriges Leben, mein Vater. Von da an wuchs ich ohne ihn auf. Ich sollte gerade eingeschult werden und meine Mutter hatte sich vor kurzem selbstständig gemacht. Und nun waren wir in dieser riesigen Stadt, dessen Sprache wir nicht sprechen und verstehen konnten. Alles war neu und angsteinflößend.
Die erste Zeit lang lebten wir bei meiner Oma väterlicherseits, denn sie wohnte schon lange in Berlin. Von ihr hatten wir auch die Einladung nach Berlin bekommen. Doch meine Oma mochte meine Mutter nie, sie stritten viel und meine Oma wollte ihr sogar das Sorgerecht für mich wegnehmen. Ich verstand damals überhaupt nicht, was los war. Ich war durch unsere Situation total verängstigt und unsicher. Wir zogen also um. Damals verdrängte ich die ganzen erschreckenden Erlebnisse, indem ich sie vergaß. Nach und nach lebten wir uns auch ein und gewöhnten uns an das Leben hier.
Vier Jahre nach unserer Ankunft in Berlin war der Krieg vorbei und wir wurden nach Kroatien zurückgeschickt. Jetzt mussten wir schon wieder alles aufgeben, was wir uns hier so mühsam aufgebaut hatten. Ich ging inzwischen in die vierte Klasse, hatte viele tolle Freunde und es fiel mir ziemlich schwer, plötzlich 24 Stunden am Tag auf Kroatisch denken, schreiben und sprechen zu müssen. Mir fehlten schließlich drei Jahre kroatische Schulbildung. Meine Noten rutschen trotz Extraunterricht total in den Keller und ich hatte dadurch überhaupt keine Lust mehr, zur Schule zu gehen. Ich hatte auch keine Freunde, da die früheren keine Zeit hatten und neue Freundschaften in der Schule sich nicht ergaben.
So war ich ständig zu hause und sehnte mich, nach Berlin zurückzukehren. Da war ich sehr froh, als der Freund meiner Mutter überraschend kam und ihr einen Antrag machte. So gingen wir nach einem halben Jahr in Kroatien zurück nach Deutschland und wieder einmal verließen wir alles und jeden, doch diesmal war ich ziemlich erleichtert. Mitten im Schuljahr kehrte ich also in meine alte Klasse zurück.
Es pendelte sich ein, dass wir unsere Familie jeden Sommer besuchten. Irgendwie kam ich dann in eine kreative christliche Jugendrunde. Da ich schon immer sehr gerne künstlerisch tätig war, bastelte und zeichnete, hatte ich dort viel Spaß. Die Leute waren nett und ich hörte dort zum ersten Mal etwas von Gott und Jesus. Ich wusste irgendwie immer, dass es einen Gott geben muss, das war in Kroatien eine Grundlage in der Gesellschaft und ich wuchs einfach von klein auf damit auf.
Vier Jahre später kam das Eheaus. Der Mann meiner Mutter trank zu viel und war streng und unfreundlich in meiner Erziehung. Wir zogen weg, und so ging ich nicht mehr in die Jugendgruppe. Zudem kam noch die Pubertät dazu. Zu hause gab es viel Stress und mein Leben drehte sich um Jungs, Teenagerzeitschriften und Musik. Ich begann mich für die unerklärlichen Dinge auf dieser Welt zu interessieren. Mit Tarotkarten, Pendeln und anderen Dingen wollte ich meine Zukunft wissen und las Bücher über Aliens und Geister.
Meine Familie war mir zu der Zeit am wichtigsten. Ich hatte eine innerliche Sehnsucht nach etwas festem, einem Fixpunkt in meinem Leben. Denn ich fühlte mich weder hier in Berlin noch in Kroatien bei meiner Familie angekommen. Ich war heimatlos, in zwei Hälften geteilt. Die eine wollte in Berlin bleiben und die andere zurück. Und Abschiede von dort fielen mir immer schwerer. Vor allem mein Vater fehlte mir sehr. Das alles bereitete mir unerträgliche Schmerzen. Ich merkte auch, wie schwer es für eine Mutter ist, ohne Partner so vieles zu regeln, zu erziehen, und das war sehr bitter.
Eines Tages fragte mich eine Freundin, ob ich denn nicht Lust hätte, mit ihr zu einer Jugendgruppe zu kommen. Dort sei es richtig cool und die Leute wären alle total nett, sagte sie. Ich ging also mit zu dieser Jugendgruppe, und an dem Tag gab es gerade ein Special zum Thema „Liebe“. Diese ganzen Worte waren zuerst echt ungewöhnlich, worüber und wie die Leute über Gott und das Leben an sich sprachen. Aber ich fühlte mich dort sofort echt wohl und ging von nun an regelmäßig hin. Die Gemeinschaft dort war toll, und man wurde freundlich so akzeptiert, wie man war. Ganz anders als in der Schule.
Die Gespräche und Andachten brachten mich ins Grübeln über mein eigenes Leben. Ich glaubte ja, dass es einen Gott gibt. Ich war doch kein schlechter Mensch! Ich hatte niemanden umgebracht und war sonst eigentlich ganz nett und freundlich! Reichte das denn nicht aus? Ich lebte weiter mein bisheriges Leben und dachte, ich sei nun Christ. Ich wollte mein Leben jedoch nicht ändern oder Gott übergeben. Er forderte ziemlich viel, dieser Jesus. Er sagte, er wolle in meinem Leben wichtiger sein als meine eigene Familie! Das war einfach zu viel. Ich sah das überhaupt nicht ein, denn sie war das Wichtigste und Kostbarste, was ich hatte.
Dann hörte ich eine Andacht zum Thema „Okkultismus“ und das haute mich schlichtweg um. Wie Vorhänge, die man zur Seite schiebt, erkannte ich plötzlich, dass alles falsch war, mein Leben total sinnlos und alles, was mir scheinbar so wichtig war, niemals diese leere Sehnsuchtslücke in meinem Herzen füllen konnte. Dass ich vor dem gerechten Gott mit meinem jetzigen Leben einfach keine Chance hatte. Zu hause schmiss ich alles in den Müll: die ganzen okkulten Karten, Bücher, Zeitschriften und Pendel. Dann kniete ich mich auf den Boden meines Zimmers hin und sagte Gott, dass ich mein bisheriges Leben einfach nicht mehr haben wollte. Es war so voller Schmerz und voller Bosheit.
Ich schämte mich richtig für all die falschen Dinge in meinem bisherigen Leben und weinte, weil ich verstanden hatte, dass ich nicht so unschuldig und fehlerlos war, wie ich dachte. Dass Jesus genau dafür gestorben war, damit ich wieder eine Beziehung zu ihm haben konnte, weil durch seinen Tod all meine Rebellion gegen Gott in Gedanken, Worten und Taten bezahlt und vergeben war. Und damit ich nicht in diesem Schmutzmeer verloren gehe. Denn Gott wartete schon lange auf mich und sehnte sich nach einer engen Beziehung mit mir, weil er mich liebt.
Ich wollte nicht mehr ohne Halt in dieser dreckigen Brühe herumtreiben. Ich wollte endlich ein Leben mit Vision. Und das ging nur, indem ich Jesus Dinge, die ihm nicht gefallen, sage und ihn um Vergebung bitte. Sonst würde ich weiter in diesem schmutzigen Leben schwimmen und irgendwann ganz unten landen. Und dann wurde Jesus der Steuermann auf dem Schiff. Und er räumte mein Leben so richtig auf (und ist immer noch dabei).
Da meine Familie sehr temperamentvoll ist, kommt es oft zu belanglosen Streitigkeiten. Aber durch Gott bin ich sanfter und freundlicher geworden. Die vielen Notlügen, die mir früher öfter mal aus der Patsche geholfen haben, tue ich nicht mehr. Ich bin kein perfekter Mensch geworden, ich mache oft immer noch Fehler und sündige. Doch bin ich mir dann bewusst, dass es nicht richtig ist und Bitte Gott um Vergebung. Ich strebe danach, mich von Gott verändern zu lassen und ihm in seinem Wesen ähnlicher zu werden, als mich kampflos den Sünden hinzugeben.
Im Nachhinein blicke ich auf mein bisheriges Leben und merke, dass Gott mich die ganze Zeit zu sich gezogen hat, gesucht hat. Wenn ich nicht nach Berlin gekommen wäre, hätte ich vielleicht niemals die Chance gehabt, mich für oder gegen ein Leben mit Jesus zu entscheiden. Die ganze Zeit hat Gott an meine Herzenstür geklopft und ich bin echt froh, dass ich irgendwann aufgemacht habe. Endlich habe ich eine unbeschreibliche Ruhe und einen Frieden in mir. Ich glaube und weiß einfach, egal was kommt: Gott ist da.
Meine Familie vermisse ich zwar immer noch ab und zu, doch ich habe gelernt, die Situation zu ertragen, wie sie ist. Und ich habe jetzt etwas viel wertvolleres in meinem Leben, das mich vollkommen erfüllt. Ich habe endlich das gefunden, wonach ich mich die ganzen Jahre über gesehnt habe: Ich bin zu hause angekommen.