Jürgen: ...ohne Liebe leben gelernt

Ein verpatzter Start

Eigentlich hat meine Kindheit alles, um ein kaputter Mensch zu werden.

Als ich vier Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Ich kam zu meinen Großeltern in ein kleines Dorf in Bayern. Meine Großeltern waren angesehene Leute. Nach außen wahrten sie den Schein der intakten Familie, aber nach innen war ihre Ehe schon lange tot. Was bei ihnen zählte, war materieller Erfolg und gesellschaftliches Ansehen. Deshalb wurde ich in schulischen Dingen von meinem Großvater, der Lehrer war, sehr gefördert und hart rangenommen. Ich habe oft geweint, weil ich lieber Spielen gegangen wäre, aber Rechnen oder Diktat üben musste. Damals vermisste ich jemanden, der mich einfach mal liebgehalten hätte. Und obwohl ich viel bekam, war ich manches Mal verzweifelt und habe schon mit ungefähr 10 Jahren an Selbstmord gedacht.

Natürlich ging ich regelmäßig in den Kindergottesdienst der evangelischen Kirche. Das gehörte sich so. Und ich weiß nicht warum, aber ich entwickelte ein ziemlich feines Gewissen. Ich verstand, dass es einen Gott gibt und dass er bestimmte Sachen nicht mochte, die er Sünde nennt.

Als ich 12 Jahre alt war, starb mein Großvater. Meine Großmutter verkraftete das nicht, fing an zu trinken und das ganze Dorf schaute weg. Diese Zeit habe ich als besonders schlimm in Erinnerung. Ich suchte die versteckten Bierflaschen und schüttete sie vor Verzweiflung und Wut weg. Aber das war natürlich zwecklos. Ich kam gerade in die Pubertät und hätte jemanden zum Reden gebraucht und war völlig allein. Klar, ich genoss die Freiheit, lange vor dem Fernseher zu sitzen oder riesige Eisberge zu verdrücken (entsprechend dick war ich auch), aber glücklich wurde ich dadurch nicht. Meine schulischen Leistungen ließen nach und mein Leben lief in eine Sackgasse.

Eines Abends brach ich zusammen, rief meinen Vater an und schilderte ihm ehrlich die Zustände. Er nahm mich sofort zu sich. Mein Vater wohnte damals bei Frankfurt und hatte den guten Willen, mit mir eine Beziehung aufzubauen. Leider gelang es uns nicht wirklich. Ich blieb allein. Ich habe versucht, meinem Vater zu gefallen, welcher Sohn will das nicht, aber egal ob Sport, Topnoten in der Schule oder Mitarbeit im Geschäft, irgendwie kamen wir nicht zueinander. Schließlich zog ich mich zurück. Ich träumte von der besseren Zukunft, las Bücher über Selbstverwirklichung und fand meinen „Sinn des Lebens“: (nämlich) Viel Geld zu verdienen und anderen zu zeigen, was ich kann. In Wirklichkeit wollte ich nur meinem Vater beweisen, dass ich es wert bin, geliebt zu werden. Weil ich niemanden zum Reden hatte, habe ich oft in der Not und vor dem Schlafengehen gebetet; außerdem habe ich ab und zu in der Bibel gelesen, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich war irgendwie religiös, hatte auch die Konfirmation sehr bewusst erlebt und versuchte gut zu leben.

Mit 17 ging ein Traum in Erfüllung, als ich meine Freundin Bärbel kennenlernte. Ich wirkte damals schon ziemlich reif für mein Alter. Vielleicht war ich es auch. Zumindest war ich nach außen ziemlich hart und konsequent. Ohne Rücksicht auf die Beziehung ging ich deshalb nach dem Abitur nach Berlin, um Biochemie zu studieren.

Der Durchbruch

Durch meine Freundin Bärbel, hatte ich in den Semesterferien Christen kennengelernt, die in ihrer Wohnung einen Hauskreis abhielten. Sie sangen moderne Lieder, beteten zu Gott und lasen in der Bibel. Ihre Ausgeglichenheit und innere Ruhe gefiel mir. Ich dachte damals: Ein Christ ist ein Mensch, der sich bemüht, möglichst gut zu leben. Ehrlicherweise musste ich zugeben, dass mir das nicht besonders gut gelang. Meine Versuche, ein „besserer Mensch“ zu werden, scheiterten ständig an mir selbst. Bei aller Intelligenz und äußeren Härte gab es etwas in mir, das ich nicht überwinden konnte.

Zurück in Berlin suchte ich einen vergleichbaren Hauskreis. Aber die Suche nach Christen gestaltete sich schwierig. Als ich nicht mehr weiterwusste, betete ich zu Gott. Und kurz darauf sah ich in einer Vorlesung den Betreuer eines Chemiegrundpraktikums wieder, von dem ich wusste, dass er in eine evangelische Freikirche ging. Bei unserer ersten Begegnung war mir das ziemlich suspekt gewesen. Jetzt wollte ich diese Leute mal kennenlernen. Ich besuchte erst einen Vortrag und dann die Jugendveranstaltung. Ziemlich schnell merkte ich an ihrem Umgang untereinander und mit mir, dass ich richtig war. Und sie hatten diese Ruhe, nach der ich mich sehnte. Aber wo hatten sie sie her? Sie behaupteten: von Gott! Aber ich wollte Gott doch auch ernst nehmen und seine Gebote halten; warum hatte ich die Ruhe dann nicht?

Langsam verstand ich folgendes: In meinem Leben war ich Gottes Maßstab (10 Gebote und Bergpredigt) nicht einen Tag gerecht geworden. In den Augen Gottes und vor meinem eigenen Gewissen blieb ich ein Sünder. Aber waren das nicht alle Menschen? Mir war klar, daß ich in letzter Konsequenz die Hölle verdient hatte. Wofür sollte Gott mich in den Himmel lassen? Dafür, daß ich nicht noch mehr Unsinn angestellt hatte? - Hatte ich nicht gelogen, Menschen benutzt und nur für mich gelebt? Ich kannte die Dreckecken meines Leben nur zu genau. Aber wo lag der Ausweg? Ich wußte, daß Jesus gesagt hatte: Kommt her zu mir all ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben (Matthäusevangelium Kapitel 11, Vers 28). Das sprach mich an. Gern wollte ich meine Last loswerden. Langsam verstand ich, daß Gott in meinem Leben etwas Neues anfangen wollte. Für diesen Neuanfang war Jesus am Kreuz gestorben und dafür ist er von den Toten auferweckt worden.

Eines Abends ging ich in meiner Studentenbude auf die Knie und betete zu Jesus. Ich bat ihn, mir meine Sünden zu vergeben, mir sein neues Leben zu schenken und als Chef über mein Leben fortan damit zu tun, was er wollte. Das war meine Umkehr zu Gott und der Anfang eines neuen Lebens.

Am Ziel

An diesem Abend kam keine Stimme aus dem Himmel, aber es begann eine Veränderung, die bis heute anhält. Ich erlebte, wie Gott mich von Zwängen befreite und mich heilte. Ich bin frei geworden von einem falschen Egoismus, von Karrieredenken und Kritiksucht. Durch ihn konnte ich allen Menschen, die sich an mir vergangen haben, vergeben. Ich empfinde keinen Groll mehr über meine Kindheit. Durch Gott durfte ich lernen, was es heißt, einen Menschen zu lieben. Ich habe gelernt, meine Gefühle zu zeigen, über die Vergangenheit zu reden, Freundschaften aufzubauen und Menschen zu vertrauen.

Ich habe die Ruhe gefunden, die Jesus mir versprochen hat. Wenn ich sehe, dass ich heute eine glückliche Ehe führen darf, obwohl ich so etwas nie als Kind erlebt habe, dann staune ich einfach über die verändernde Kraft Gottes. Und das jeden Tag aufs Neue.

leben/berichte/juergen.txt · Zuletzt geändert: 2009/11/10 21:57 (Externe Bearbeitung)
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