Was heißt hier „Kirchenchrist“?? Ist das positiv oder negativ gemeint? Finde es selbst heraus!
Also, ich selbst falle weder unter das Label „Wessi“, noch unter das Label „Ossi“, denn ich bin „Westberliner“. In dieser ummauerten Freizone wurde ich jedenfalls 1967 geboren und bin dort aufgewachsen.
Meine Jugend verbrachte ich daher wie die meisten mit dem Eintritt in einen Sportverein mit 7, der Musik der NDW, den ersten Rauchversuchen mit 11, dem mit zwei Freunden aus purer langer Weile geborenen Einbruch in eine Gartenlaube mit 12, der ersten Selbstgedrehten ohne Filter mit 15, und dann folgten die mit Pfennig-Skat oder Poker durchzockten Nächte, die ersten Besäufnisse auf Parties, das erste selbstverdiente Geld im Getränkemarkt mit 17, das erste Hasch mit 18 und das eigene Auto (natürlich mit Spoiler, Drehzahlmesser, Sportausstattung usw.) auch mit 18 - nein, das habe ich nicht wie manch anderer zu Schrott gefahren…, die mageren 60 PS haben mich davor bewahrt.
Meine große Klappe als verwöhntes Einzelkind bewahrte mich erst nach der Grundschule davor, öfter von den anderen geärgert zu werden. Doch eine gewisse Schüchternheit, die wohl kaum einer bei mir vermutet hätte, bewahrte mir meine Unschuld in den wilden Jahren… -oder war es doch bereits Gottes Bewahrung?
In der Schule gehörte ich weder zu den Dümmsten noch zu den Strebern; für mein Abi genügte mir eine 3,0. Schleimer haße ich wie die Pest, ich tat mich lieber durch Unsinn oder Streiche hervor, für die ich auch zwei Tadel als Trophäen einheimsen konnte, ohne von der Schule zu fliegen (wer hier denkt „Wer sich erwischen läß, ist dumm“, denkt vielleicht etwas zu einseitig).
Alles in allem also doch eine gute, glückliche Jugendzeit. Aber jedes Leben hat seine Kehrseiten - so auch meines!
Geschwister hatte ich ja keine, und richtige Freunde nur einen oder zwei. Mein Opa war großzügig, wenn alles noch seiner Pfeife tanzte, und jähzornig, wenn nicht. Ich erinnere mich noch, wie ich mich in der Toilette einschloß als er mir ankündigte, rüberzukommen (er wohnte 150 m weiter) und mich ordentlich zu verdreschen, weil ich frech gewesen war zu seiner geschiedenen ersten Frau - meiner Oma (die mit meinen Eltern im Haus wohnte). Nach etwa einer Stunde hatte ich dann festgestellt, daß er seine Drohung wohl nicht mehr umsetzen würde.
Mit meinem Vater verstand ich mich ganz gut, aber er war recht leistungsorientiert, und wenn meine Leistungen oder mein Benehmen nicht seinen Vorstellungen entsprachen, war er nicht mehr „der liebe Vater“. Spielte sich die Szene im Garten ab, war ich im Vorteil, denn ich war schneller als er beim „Einkriege“ um das Haus herum. Drinnen endeten solche Szenen immer verbal demütigend oder schmerzhaft für mich, wobei ich jedoch meine Genugtuung darin fand, es wenigstens verbal meinem Vater gleich zu tun. Reichte dies nicht, um das empfundene Unrecht abzureagieren, war meine Mutter das nächste „Opfer“. Die mehrmaligen Drohungen meiner Eltern, mich ins Heim zu stecken, blieben glücklicherweise leer. Vor der Zeit, in der in der Ehe meiner Eltern öfter das Wort „Scheidung“ fiel, suchte meine Mutter öfter Zuflucht bei dem „Freund“, der am nächsten Morgen immer die Kopfschmerzen beschert; in diesen Phasen war auch meine Mutter manchmal nicht mehr „die liebe Mutter“. Die Scheidungsdrohungen fanden jedoch zum Glück nie den Weg ins Ohr eines Scheidungsrichters.
Nun, auch all das war noch nicht dramatisch, sondern eher normal für eine durchschnittliche Großtadtfamilie aus West-Berlin. Ich will aber nicht ausschließn, daß durch meine Jugendzeit vielleicht diese unbewuße Leere innen drin oder die Frage „Da mußdoch noch mehr sein?“ das eine oder andere Mal lauter waren. All das bisher Beschriebene macht zwar mein Leben bis dahin aus, aber es ist nicht das eigentliche ureigenste Leben, dessen Wiege wir als menschliche Geschöpfe von Natur aus in uns tragen. Das Kuriose ist ja, daß wir irgendwie um diese Wiege in uns wissen, aber wir wissen nicht, womit wir sie füllen sollen. Mein Leben ist ein kurioses Beispiel dafür, wie man in diese Wiege sogar oft das passende Kind legen kann - aber es dennoch tot bleibt:
Die Lohnsteuerkarte meines Vaters trug den Vermerk „ev.“, ebenso wie die Geburtsurkunde meiner Mutter, die Hausfrau war. Also durfte ich die Taufe (ohne daß ich mich dafür irgendwie hätte entscheiden können) und die Einsegnung (für deren Geldsegen ich mich gerne entschied) über mich ergehen lassen. Beides waren zelebrierte Riten, Formen ohne wirklichen Inhalt für mich. Beides hatte etwas mit Kirche und Religion zu tun, mit Tradition und dem Kopf, aber nicht mit dem lebendigen Gott und dem Herzen.
Davon unabhängig wuchs ich, seit meinem 6. Lebensjahr, quasi in einer evangel.-freikirchlichen Gemeinde auf, weil meine Eltern mich sonntags dorthin schickten. Obwohl sie eine Kirche außr zur Hochzeit nur zu Weihnachten betraten, erhofften sie sich doch wohl positive Einflüsse durch die gute christliche Ethik auf den boshaften Charakter ihres Kindes. Ich für meinen Teil fühlte mich - soweit ich mich erinnern kann - unbewuß angezogen von der dort herrschenden Freude und Annahme. Es wurden Lieder gesungen, man hörte spannende Geschichten aus dem Alten Testament und über Jesus, man spielte zusammen, es wurde auf Gerechtigkeit geachtet, und jeder einzelne zählte. Bis ich 17 war, ging ich fast regelmäßg zu den meinem Alter entsprechenden Veranstaltungen, die „Sonntagsschule“, „Kinderstunde“, „Jungenjungschar“ und „Jugendclub“ genannt wurden. Natürlich „glaubte“ ich daher auch an Gott, die Schöpfung, seinen Sohn Jesus und daß er am Kreuz für meine Sünden gestorben war (was auch immer das heißn mochte) und las ab und zu in meiner kleinen Bibel. Ich hatte dort ein weig mein Zuhause gefunden; es war ein Hobby, mein Club, wie für andere der Manta-Club oder die Hertha-Frösche. In gewisser Weise hatte ich mich ja auch „bekehrt“ - aber nicht zu Gott, sondern zur Jugendgruppe einer Gemeinde… Nur verstand ich das damals noch nicht. So mit 17 und 18 wurde nämlich die Clique in meiner Schule mehr mein Zuhause - auf Feten, auf Konzerten, in Discos, im Kino, beim Zocken. Die Folge war, daß ich fast ein Jahr lang überhaupt nicht mehr in die Gemeinde ging. Manchmal hatte ich ein bißhen ein schlechtes Gewissen „Gott“ gegenüber, aber wenn die Neuorientierung so einfach war, woran hing dann mein Herz?
Dann im Sommer 1985 erfuhr ich, daß der Jugendclub der Gemeinde in den Ferien nach England auf ein internationales „Bible-and-Sports-Camp“ mitfahren wollte. Mein Interesse daran war so groß(wegen des reizvollen Angebots an Sport und der interessanten Mädchen, die man dort sicher kennenlernen konnte), daß ich die Angst vor all den Fragen, wo ich denn so lange gewesen sei, überwand und wieder in den Jugendclub ging. Die befürchteten Fragen blieben aus, keine Vorwürfe kamen, nur ein „Schön, daß Du da bist“. Heute würde ich sagen, daß ich in diesem Moment einen Blick in Gottes Herz und sein wahren Wesen tun durfte und begann, zu verstehen, daß Gottes Charakterzüge nicht die meines Vaters waren, wie ich unbewuß angenommen hatte. Es kam nicht von ungefähr, daß meine Vorstellung von Gott lange zuerst mit dem ermahnenden, strafenden und nie zufriedenen Gott begann, bis ich mir die Person des Vaters im Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) tief verinnerlichte! Ich denke, ich neigte lange leider auch viel zu sehr dazu, das unverdiente Geschenk der Gnade in den liebevoll ausgestreckten Händen des Vaters auszuschlagen. Es war der Stolz, der lieber mich selbst bestraft sah (ein wesentliches Hindernis für das ewige Leben, das Gott schenken will). Jedoch der Verlorene Sohn im Gleichnis war demütig genug, es anzunehmen! Nun, bei mir trat jedenfalls schlagartig Erleichterung ein, als ich wieder so im Jugendclub aufgenommen wurde - auch wenn es mich nur ein klein wenig Mut, der gar nicht mal so demütig war, kostete. Es sollte zum Segen sein!
Auf dem Camp in England habe ich zum ersten Mal begriffen, daß das Kind, was ich in meine Wiege gelegt hatte, tot war (um auf das Beispiel weiter oben zurückzukommen). Auch bei einem toten Kind stimmt nach außn hin vieles, aber es fehlt ihm das Eigentliche - die Kraft des Lebens, so wie auch mir die Kraft des ewigen Lebens fremd war. Auch Jesus spricht ja zu Nikodemus von einer nötigen Neugeburt (Joh. 3,3-18). Ich verstand mehr und mehr, daß dieses „An-den lebendigen -Gott-Glauben“ nicht ein bloßs „Für-wahr-Halten“ ist. Es ist auch nicht nur die erleichternde Äußerung „Danke, Jesus, daß Du mich durch deinen stellvertretenden Tod am Kreuz vor dem kommenden Gericht Gottes gerettet hast“; es ist die bewuße Entscheidung, den Thronsessel meines Lebens für den zu räumen, der mir das Leben gab. In letzter Konsequenz bedeutet das, daß ich nach und nach alle Rechte an mich selbst aufgeben werde, weil Sinn und Ziel nicht mehr mein Ego, sondern Gottes Wille ist. Jesus beschreibt das selbst mit dem Ausdruck „sein [irdisches] Leben verlieren, um das [ewige] Leben zu gewinnen“ (Mt. 16,24-25).
Ich war an den Punkt gekommen, die vorgezeichnete Entscheidung nun auch bewuß zu treffen. Ich verstand zwar noch nicht alles, aber irgendwie war bereits dieses „Ja“ in meinem Innern. Dadurch, daß ich Gott kennengelernt und jetzt auch so erfahren hatte, kam ich gar nicht mehr dazu, über eine bewuße Entscheidung dagegen ernsthaft nachzudenken. So war es Gott, der mich zu sich zog. Den Tag oder die genaue Woche könnte ich gar nicht nennen, ich erlebte auch nichts Übernatürliches. Es war mehr ein fließnder Prozeß der sich in mir vollzog. Das tote Kind in der Wiege füllte sich mit Leben, und schon bald bemerkte ich, daß es mich immer wieder etwas kostet, das Leben dieses Kindes höher zu achten als mein altes Leben. Die Zeit der Zweigleisigkeit, in der ich Gott einen Platz unter vielen - sozusagen als Hobby - in meinem Leben eingeräumt hatte, fand ihr Ende. Begriffe wie Sinn, Inhalt und Ziel füllten sich und vor allem: Sie fanden ihren Weg vom Kopf ins Herz.
Es ist schwer, die Veränderung im Innern zu beschreiben, weil Äußerlichkeiten nie ein Beweis dafür sein können. So sagte auch bereits der Autor vom „Kleinen Prinzen“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Es ist ähnlich wie mit dem Verliebtsein: Ich kann versuchen, es zu beweisen, indem ich jemandem jeden Tag eine rote Rose schenke - doch das tut der Heiratsschwindler auch; ich kann versuchen, es zu beschreiben, indem ich von Herzrasen und „Flugzeugen im Bauch“ rede - doch das kennt auch der Bundestrainer bei jedem Länderspiel; so kann ich es selbst erfahren und genau wissen, wie das ist - aber es bleibt ein Geheimnis in mir, daß immer in eine gewisse Unerklärlichkeit gehüllt bleibt.
Mein Leben hat sich seitdem verändert. Die Kontakte zur alten Clique in der Schule verliefen bald im Sande; das Verhalten meinen Eltern gegenüber verbesserte sich bald, so daß sogar mein Vater mehrmals äußrte, daß die Gemeinde mich sehr positiv beeinflusse (wenn er auch damit die Ethik meinte, ohne Gottes verändernde Kraft zu kennen). Schließich war ich selbst mehr und mehr fähig, zu geben statt zu nehmen.
In meinem Leben gibt es zwar auch jetzt noch Berge und Täler, aber es steckt die Kraft Gottes in der Hoffnung, die mich treibt, und in den Händen, die mich auffangen, wenn ich versage. Auch jetzt lerne ich Stück um Stück wichtige Dinge dazu, wenn die Zeit reif ist dafür. Etwas Wichtiges war für mich auch, frei zu werden vom Perfektionismus und vom Leistungsprinzip. Gott gab mir dazu zwei Aussagen mit auf den Weg: Einmal Psalm 51,18-19 („Denn du hast keine Lust am Schlachtopfer, sonst gäbe ich es; Brandopfer gefällt dir nicht. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“) und einmal den Satz „God is not looking for perfection but for purity“ (zu deutsch: „Gott sucht nicht nach Perfektion, sondern nach Reinheit“). Das sind Wahrheiten, die mich freier gemacht haben.
Eines möchte ich noch für jeden, der durch die Kirche von Gott enttäuscht wurde, zum Abschluß sagen:
Das Christentum ist heute leider oft nur
Religion, Philosophie, Ethik,
„Du darfst“ und „Du darfst nicht“,
toter Glaube, zerstrittener Kult,
aber Jesus, Gottes Sohn, starb,
um für Dich zu bezahlen -
Gnadengeschenk zur Befreiung!
…aber der Stolz gibt nicht gerne zu, daß er schuldig ist
…und er dieses Geschenk nötig hat!
Doch Religionen verändern nur Köpfe,
nur Jesus Christus verändert Herzen!